Auswirkung von Sehbehinderung

Eine Sehschädigung wirkt sich auf unterschiedliche Art und Weise aus.

Fragt man Blinde und Sehbehinderte, in welchen Bereichen ihr Leben durch ihre Behinderung erschwert ist, werden folgende Punkte immer wieder genannt:

Kommunikationsprobleme mit Sehenden auf Grund mangelnden Blickkontakts (Mimik und Gestik der Gesprächspartner können nicht verfolgt werden)

Probleme in der sozialen Kommunikation (Hemmungen von Sehenden, auf Blinde zuzugehen)

Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags (Haushalt, Einkaufen, Arbeitsweg)

Erschwernisse bei der Freizeitgestaltung (Ausgehen, Sport, Fernsehen, Kino- Theater und Konzertbesuche)

Probleme bei der schriftlichen Kommunikation

Angewiesensein auf fremde Hilfe in unbekannten Situationen

Informationsdefizite bei optischen Anzeigen und Hinweisen in allen privaten und öffentlichen Bereichen

eingeschränkte Berufswahlmöglichkeiten und Schwierigkeiten im Berufsleben

An erster Stelle stehen die Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation. Sehende haben häufig Hemmungen, auf Blinde und Sehbehinderte zuzugehen, sie anzusprechen. Ein Erstkontakt kann nicht, wie unter Sehenden üblich, über Blickkontakt hergestellt werden, sondern muss über unmittelbares Ansprechen erfolgen. Im "unmittelbaren Ansprechen" wiederum liegt die Schwierigkeit vieler Blinder begründet, Kontakt zu Sehenden aufzunehmen, da sie nicht sicher sein können, ob der vermeintliche Gesprächspartner überhaupt gesprächsbereit ist. Es ist nicht angenehm, jemanden unter diesen Umständen ansprechen zu müssen.

In vielen Situationen des alltäglichen Lebens sind Blinde und Sehbehinderte auf die Hilfe von Sehenden angewiesen. Ein typisches Beispiel sind Behördengänge: Das sich Zurechtfinden vor Ort, das Lesen und Ausfüllen von Formularen.

Jugendliche Blinde und Sehbehinderte fühlen sich bei der Gestaltung ihrer Freizeit eingeschränkt. Bei allen aktuellen Trends im Sport- und Spielbereich können sie meist nicht mithalten.

Z. B. Mopedfahren, Inline-Skating, Snowboarden usw.. Filme im Fernsehen oder im Kino können nicht ausreichend verfolgt werden. Man kann mit gleichaltrigen Freunden und Bekannten nur eingeschränkt mitreden.

Discobesuche oder große Parties werden zum Teil als anstrengend empfunden, da eine zu große Lautstärke die Orientierung in einem Raum oder die Kommunikation untereinander erschweren.

Ein weiterer problematischer Bereich ist die Berufswahl. Viele Berufe können und dürfen von Blinden und/oder Sehbehinderten nicht ausgeübt werden, da eine uneingeschränkte Sehkraft unerlässlich ist. Die Steuerung und Kontrolle von Arbeitsabläufen mit Hilfe von Maschinen oder der elektronischen Datenverarbeitung erfolgt in aller Regel über optische Anzeigen, die nur bedingt durch akustische oder taktil erfassbare Hinweise ersetzt, allenfalls ergänzt werden können. So verbleibt Sehgeschädigten für die Berufswahl ein wesentlich geringeres Spektrum als Sehenden. Dank der Entwicklung entsprechender technischer Hilfsmittel für die Ausstattung eines Arbeitsplatzes konnte jedoch in den letzten Jahren eine Reihe von Berufen auch Blinden und Sehbehinderten zugänglich gemacht werden.

Einschränkung der Umweltkontrolle

Extreme Situationen, wie großer Lärm oder totale Stille, erschweren die Umweltkontrolle. Durch zu großen Lärm verliert man die Möglichkeit, Geräusche differenziert wahrzunehmen und entsprechend einzuordnen. Ist alles ganz still, fehlen jegliche Anhaltspunkte durch Geräuschquellen. Ein Beispiel: Ein blinder Fußgänger hört einen Straßenkehrer. Plötzlich ist das Geräusch weg, weil der Arbeiter das Kehren einstellt, um den Blinden problemlos passieren zu lassen. Das Ergebnis ist, dass der Blinde nun nicht mehr weiß, wo dieser sich mit seinem Besen befindet.

Unsere Gesellschaft ist zu einem überwiegenden Teil auf optische Wahrnehmung ausgerichtet, die vielen Blinden und Sehbehinderten die Bewältigung ihres Alltags wesentlich erschwert.

Schilder, Plakate, Leuchtanzeigen, Handzettel, Schaufensterdekorationen usw. informieren über alle möglichen Bereiche unserer Umwelt. Der Autoverkehr würde ohne Steuerung über Ampeln, Verkehrsschilder oder Markierungen auf Straßen zusammenbrechen. Auf Plakaten wird für Produkte, Parteien und Personen geworben oder auf Veranstaltungen hingewiesen. Durch Leuchtschriften an Kaufhäusern und Schaufensterdekorationen sollen die Menschen zum Kaufen animiert werden. 
Aussagen wie "Sehen und gesehen werden" oder "Das ist ein Blickfang" machen den hohen Stellenwert der Wahrnehmung über das Auge deutlich.

Die durch die Sehschädigung bedingte eingeschränkte Umweltkontrolle kann teilweise durch akustische Eindrücke ausgeglichen werden (Ansagen von Haltestellen in Bussen und Bahnen, Durchsagen von Sonderangeboten in Kaufhäusern, Ampeln, die mit einem akustischen und/oder taktilen Signalgeber ausgestattet sind). 

Bei Blinden und Sehbehinderten wird die nicht vorhandene oder eingeschränkte Wahrnehmungsmöglichkeit über das Auge im wesentlichen über das Gehör kompensiert. Zur Orientierung werden auch die anderen Sinne eingesetzt (tasten, riechen, spüren). Unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten, typische Gerüche, ein Luftzug können entscheidende Hinweise darauf geben, wo man sich befindet, wohin man sich wenden muß. 

Die nicht oder nur eingeschränkt vorhandene optische Kontrolle kann auf den einzelnen verunsichernd wirken und zu schreckhaften Reaktionen in manchen Situationen führen (z. B. angefasst werden durch jemanden, den man nicht gehört hat).

Viele Tätigkeiten werden aufwendiger und nehmen mehr Zeit in Anspruch, weil sie fortlaufend der taktilen und akustischen Überprüfung bedürfen, wie z. B. Kochen oder Bedienen von Haushaltsgeräten.

Einschränkung oder Wegfall der optischen Wahrnehmung

Sehschädigung wird als eine Beeinträchtigung erfahren, die beinahe alle Lebensbereiche betrifft.

In allen Entwicklungsphasen und Lebensabschnitten eines Menschen spielt die optische Wahrnehmung eine entscheidende Rolle. 

Lernen durch Sehen

Schon sehr früh nehmen Kleinkinder über das Auge Kontakte zu ihrer Umwelt auf. Bewegungsabläufe werden über das Auge erlernt, Gegenstände werden optisch wahrgenommen und eingeordnet, Mimik und Gestik können weitestgehend nur über das Auge erfaßt werden. 
Gerade bei Kleinkindern ist es wichtig, möglichst früh zu erkennen, ob es blind oder sehbehindert ist. Ziel einer pädagogischen Frühförderung ist es, den Wegfall oder die Einschränkung der optischen Wahrnehmung durch geeignete Maßnahmen zu kompensieren.

Die auf Grund von Blindheit oder Sehbehinderung bestehenden Erschwernisse und Einschränkungen in der Kommunikation mit der sehenden Umwelt können durch entsprechende Hilfen oder Hilfsmittel zwar abgeschwächt, aber nicht vollständig kompensiert werden. 

Dies kann bei manchen Menschen zu einer Isolation im persönlichen Alltag führen, zu einem Gefühl des Ausgeschlossenseins im kulturellen und politischen Leben, vor allem aber im Beruf.

Blindheit oder Sehbehinderung bringen in einigen Bereichen des täglichen Lebens Informationsdefizite mit sich. Dies gilt vor allem in Zusammenhang mit Zeitungen, Zeitschriften, Plakaten etc., die oft nur durch die Hilfe von Sehenden zugänglich sind. 

Viele Blinde empfinden es als äußerst schwierig, sich in einer Welt, die nur für Sehende gemacht zu sein scheint, zurechtzufinden und sich einzugliedern. Daher ist ihre Neigung sehr groß, sich mit Menschen in einer vergleichbaren Lage, zusammenzuschließen. Diese Gruppen vermitteln das Gefühl der Sicherheit. 

Berufliche Eingliederung blinder und sehbehinderter Menschen

Die Berufe, die von Sehgeschädigten ergriffen werden, haben sich im Laufe der Zeit stark gewandelt. Die ersten "klassischen Blindenberufe", wie Bürstenbinder, Korbflechter u. ä., gibt es zwar immer noch, haben aber weitgehend ihre Bedeutung verloren. 
Die Erfindung der Blindenschrift im Jahre 1825 durch den Franzosen Louis Braille - daher auch der Name "Brailleschrift" - stellte den Durchbruch auf dem Weg zur allgemeinen Blindenbildung dar. 
Anfang dieses Jahrhunderts war die Entwicklung der Punktschriftmaschine - die Schreibmaschine für Blinde - ein weiterer wichtiger Schritt. Lehrbücher für den Unterricht konnten schneller und in höherer Auflage in Punktschrift übertragen werden. Standen Blinden zunächst nur handwerkliche Berufe offen, kamen nun Schreibberufe bzw. Büroberufe wie Stenotypist und Telefonist hinzu. 
Mit der 1916 in Marburg gegründeten Deutschen Blindenstudienanstalt wurde zunächst den im 1. Weltkrieg erblindeten Soldaten, vor allem Offizieren, der Zugang zu akademischen Berufen ermöglicht. 
In der heutigen Zeit spielt die elektronische Datenverarbeitung eine immer größere Rolle. Bald wird es wolhl kaum noch einen Beruf geben, der ohne Computer auskommt. Die Nutzung der elektronischen Datenverarbeitung durch Blinde und Sehbehinderte mit Hilfe entsprechender Technik brachte es mit sich, daß in der modernen Wirtschaft heute für sie ein breites Spektrum vielfältiger Berufs- und Beschäftigungsmöglichkeiten besteht. 
Dennoch gibt es viele Berufe, die von Blinden und oftmals auch von Sehbehinderten nicht ausgeübt werden können, da hier die uneingeschränkte Sehkraft eine Grundvoraussetzung darstellt.

Jedoch stehen eine große Anzahl von Tätigkeiten Blinden und Sehbehinderten dann zur Verfügung, wenn der Arbeitsplatz entsprechend ausgestattet ist. Optische Hinweise können durch akustische Signale ergänzt werden. Optische Anzeigen können so vergrößert werden, daß sie von einem Sehbehinderten erkannt werden. 

Durch eine Anpassung des Arbeitsplatzes an die behinderungsbedingten Erfordernisse eines Blinden oder Sehbehinderten, könnten die Berufsmöglichkeiten für diesen Personenkreis noch wesentlich erweitert werden. 

Klaus Meyer

Dieser Artikel stammt aus der Broschüre "Sehen Sehbehinderung Blindheit - Informationen und Unterrichtshilfen für allgemeine Schulen".
Herausgeber: Der Paritätische Wohlfahrtsverband Hessen