Limburg - Die Beratungsstelle "Blickpunkt Auge" hilft allen, die Probleme beim Sehen haben

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband hat vor zehn Jahren damit begonnen, bundesweit ein Netzwerk von Beratungsstellen aufzubauen, damit sehbeeinträchgtigte und blinde Menschen kostenlose Hilfe bekommen können.

Mittlerweile gibt es in Deutschland 153 Beratungsstandorte, darunter die Limburger Beratungsstelle, die bereits seit neun Jahren besteht.

 

Frau Dorothee Roth ist seit Dezember 2015 Leiterin der Beratungsstelle Limburg von "Blickpunkt Auge". Die 53-Jährige hatte schon als Baby Probleme mit der Netzhaut. Als sie im Alter von acht Jahren einen Gummiball gegen den Kopf bekam, löste sich Netzhaut ab und sie erblindete. Daher ist die Leiterin der Beratungsstelle eine kompetente Gesprächspartnerin für alle, die plötzlich erblinden und Fragen haben, wie ihr Leben nun weitergehen soll.

"Mit der richtigen Übung geht vieles", sagt Dorothee Roth. Sie lebt alleine, muss ihren Stock einsetzen, ihre anderen Sinne stärker nutzen und sich in ihrer Wohnung Zeichen an Geräte und Lebensmittel machen, um zu wissen, wo etwas ist. "Wir beraten auch, welche Hilfsmittel es gibt", berichtet Frau Roth.

Eine Entscheidung abnehmen, geht nicht.

Beim "Blickpunkt Auge" können sich alle melden, die Probleme mit den Augen haben. Wenn jemand beispielsweise eine Augenkrankheit hat oder kurz vor einer Operation steht, kann die Beraterin Hintergrundwissen geben oder kompetente Ansprechpartner vermitteln. Was Dorothee Roth aber nicht kann, ist anderen eine Entscheidung abzunehmen. Ob sich ein Patient für eine mit Risiko behaftete Operation entscheidet, müsse er am Ende selbst wissen.

Dorothee Roth sagt, sie selbst hätte wahrscheinlich früher oder später das Augenlicht auch verloren, wenn sie der Ball nicht getroffen hätte. Was fühlte sie, als sie plötzlich für immer blind war? "Einen Tag war ich sehr traurig, am nächsten Tag aber schon habe ich mein Schicksal angenommen und das Leben wieder positiv gesehen." Zugute kam ihr dabei, dass sie durch Eingriffe vor ihrer Erblindung  das Gefühl kannte, mehrere Tage aufgrund verbundener Augen nichts sehen zu könnnen. Nach dem Ballunfall folgten innerhalb von drei Jahren neun weitere Operationen. "Ich war vor allem froh, dann endlich aus dem Krankenhaus draußen zu sein", erinnert Frau Roth sich zurück.

Zwei Monate nach ihrer Erblindung startete sie ihr "neues Leben" auf der Staatlichen Blindenschule in Lebach im Saarland. Sie hat die Blindenschrift gelernt und ein Mobilitätstraining absolviert. "Mit Stock habe ich mich dann beim Gehen viel wohler gefühlt, weil ich eine Verbindung zum Boden habe", sagt Dorothee Roth, die an der Blindenschule ihr Abitur schaffte und später Diplom-Sozialarbeiterin wurde. Sie ist froh, dass es mittlerweile moderne Technik wie Navis und eine Orientierungs-App gibt.

Da es aber nicht überall eine Verbindung gibt und die Apps nicht zentimetergenau arbeiten, würde Dorothee Roth ("Alleine in der Natur zu sein, vermisse ich") eines ihrer Hobbys, Wandern zu gehen, nicht ohne Begleitung nachgehen. Aber auch in der Stadt kann es, wenn auch selten, zu Problemen kommen. Außer, dass Frau Roth drohende Hindernisse mit ihrem Stock ertasten kann, hat sie auch ein sehr geschultes Gehör, so dass sie an der Geräuschentwicklung erkennen kann, wo Wände sind, Personen stehen und in welcher Geschwindigkeit Fahrzeuge herannahen. "Ein großes Problem für blinde Menschen seien aber Elektroautos, weil diese so leise seien, dass man sie nicht kommen höre", sagt Dorothee Roth.

Ihre Wahlheimat Limburg gefalle ihr - und der Ort sei, obwohl sie ihre Umgebung nicht sieht, auch keinesfalls egal. "Jede Stadt riecht anders", sagt die 53-Jährige. Wenn sie durch die kleine, enge Limburger Altstadt gehe, sei das ein ganz anderes Gefühl für sie, als früher durch Darmstadt zu laufen, das viel weitläufiger sei. In Frankfurt spüre sie zum Beispiel die Hektik der Stadt durch die vielen vorbeieilenden Menschen.

Roth weiß: "Viele Blinde können nicht loslassen, aber mir bringt es nichts, wenn ich jetzt sage, das würde ich gerne sehen." Wenn sie im Urlaub sei, "kann ich aber das Meer hören und riechen, den Sand und Wind fühlen". Wie sieht es im Haushalt aus? "Mit normalen Sachen wie Kochen, Spülen und Waschen habe ich keine Probleme. Putzen ist aber nicht so einfach." Und wie unterscheidet sie den Erdbeer- vom Himbeerjoghurt? "In Geschäften bitte ich andere um Hilfe, daheim beschrifte ich mir die Sachen", sagt sie.

Was sie ärgert? "Mitmenschen, die sie unterwegs um Hilfe bitte und die einfach weitergehen", sagt sie. Es gebe aber auch viele, die sehr hilfsbereit seien. Was würde sie machen, wenn sie alleine in eine bedrohliche Situation geraten würde? "Ich muss hören, wo andere Menschen sind, und diese dann gezielt um Hilfe bitten."

Glücklicherweise ist es Dorothee Roth noch nie passiert, dass jemand versucht hat, ihre Situation auszunutzen. Sie hat aber ein so gutes Gehör, so dass es nicht einfach sei, unbemerkt an ihr vorbei in ihre Wohnung zu kommen. Auch wenn jemand still sei, merke sie an der Veränderung des Raumklangs, dass sich jemand Fremdes im Zimmer befinde. Viele kleine Alltagstricks kann Roth frisch Erblindeten also verraten. "Seinen Weg finden muss jeder Betroffene letztendlich aber für sich selbst", sagt sie.

 

Kontakt und Öffnungszeiten

Die Limburger Geschäftsstelle von "Blickpunkt Auge" ist jeden Montag von 14 bis 16 Uhr und jeden Donnerstag von 10 bis 12 Uhr und 15 bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung geöffnet.

Ort: Kreisverwaltung Limburg, Gartenstraße 1, Zimmer 505, 65549 Limburg

Anmeldung: Dorothee Roth unter (0 64 31) 29 65 02 oder per E-Mail an d.roth(at)blickpunkt-auge.remove-this.de.

Sie weist darauf hin, dass Mund-Nasen-Bedeckungen zu tragen sind, wenn der Abstand von 1,50 Meter nicht einzuhalten ist.

 

Quelle: Nassauische Neue Presse vom 23. Juli 2020