Die Kirche ist weiter, als man denkt!

ein Beitrag von Christof Müller

 

Der Anspruch der Kirche ist es, die Gesellschaft positiv zu prägen. Je besser und solidarischer eine Gesellschaft ist, um so weniger wird das deutlich. Und dann hat die Kirche durch die Missbrauchsskandale - objektiv - ein Glaubwürdigkeitsproblem. Einer der meist gehörten Vorwürfe an die Kirche ist es, veraltet und nicht mehr zeitgemäß zu sein. Doch im Verborgenen - von der Öffentlichkeit unbeachtet - ist die Kirche oft weiter, als man denkt und immer noch ein Stück voraus.

 

Das wurde mir am Sehbehindertensonntag, der eigentlich ein "Sehbehindertenmonat" ist und den ganzen Juni über mit zahlreichen Aktionen begangen wurde, wieder besonders deutlich. Da ist die Vernetzung, die ganz aktuell ist. Der Sehbehindertensonntag wurde von der Deutschen Bischofskonferenz, von der EKD, dem Deutschen Katholischen Blindenwerk, dem Debes und dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband gemeinsam durchgeführt. Es waren also nicht nur Behindertenorganisationen, die auf mögliche Schwierigkeiten aufmerksam machen wollten und an die Gemeinden appellierten, Barrieren zu beseitigen.

 

Auf Vermittlung eines Vorstandmitglieds des DKBW erhielt ich eine Anfrage des Deutschen Blinden und Sehbehindertenverbandes (DBSV), ob ich für ein Interview bereit wäre. Als der Mann erfuhr, dass ich mittlerweile komplett blind bin, verlor er das Interesse. Es ginge um kontrastreiche Markierungen und Beleuchtungsprobleme. Es ginge nicht um Blinde, sondern um Sehbehinderte und deren Probleme. Er nahm nur einige Aspekte von Sehbehinderung in den Blick. Weil ich früher einen Sehrest hatte, ist mir die Problematik der Sehbehinderung nicht fremd, und ich erlaube mir deshalb, trotzdem Stellung zu beziehen. Es ist richtig, dass ich - ganz getreu des Mottos des Hessischen Blinden- und Sehbehindertenbundes: "Wir wollen gesehen werden" - durch meinen Blindenstock sofort auffällig bin, während eine Sehbehinderte Person ihre Sehschwäche verbergen kann. Sie muss aber ihre Probleme kommunizieren. Macht sie das nicht, sind manche Barrieren eben nicht automatisch zu beseitigen, beispielsweise, wenn sie bei bestem Willen den Liedanzeiger nicht lesen kann, auch wenn dieser sehr groß und kontrastreich ist.

 

Wie einseitig der Blickwinkel des Interviewers des DBSV ist, der nur auf bauliche Dinge fixiert war, mögen die beiden folgenden Beispiele illustrieren: Da in meiner Kirchengemeinde nicht mehr jeden Sonntag Gottesdienst ist, muss ich oft auswärts zur Messe gehen. Wenn der Klingelbeutel unter die Hand der Kirchgänger gehalten wird, bekommt das der Sehbehinderte bei der Schnelligkeit oft nicht mit. Wenn ich nun an der Reihe bin, stößt mich die Messdienerin dezent mit dem Klingelbeutel an.

 

Der Sehbehindertensonntag hat mich inspiriert, über etwas zu berichten, was mir zunächst aus meinem innerkirchlichen Blickwinkel gar nicht so spektakulär erschien. Im Januar wurde ich vom Pastoralreferenten der Pfarrei St. Franziskus in Frankfurts Norden angefragt, ob ich nicht im Rahmen der Firmvorbereitung einen Abend zum Thema Inklusion gestalten könne. Ich sagte zu. Im Eröffnungsgottesdienst am späten Nachmittag las ich die Lesung und sprach nach dem Evangelium (Mk 2,1-17), in welchem es um die Heilung eines gelähmten geht, über Inklusion. Ich sprach über meine Erfahrungen und sagte, wie ich als Betroffener das Evangelium lese, verstehe und in meinen Alltag hole. Nach dem Gottesdienst gab es noch mit dem Werbespot von Aktion Mensch und dem Beitrag von RTL Hessen über meinen Unterricht zwei weitere filmische Impulse, Workshops und ein Gespräch der Firmlinge mit mir. Da Glauben und Leben zusammengehören, aßen wir zusammen zu Abend, und ich blieb auch noch zum Beisammensein danach. Die Firmgruppe war sehr heterogen, auch altersmäßig. Es waren auch zwei geistig behinderte Mädchen darunter. Mir fiel auf, wie liebevoll der Firmkurs mit den beiden umging. Die beiden Mädchen und ich wurden in die Freizeitaktivitäten mit Tischfußball Dartboard und Billard voll einbezogen.

 

Am 15. Juni fand die Firmung statt. Die Firmlinge hatten mich dazu eingeladen. Ich war noch nie in der Kirche St. Albert am Dornbusch, in der die Firmung stattfand. Ich fand sie mithilfe meines Navi. Im Vorfeld gab es etliche Turbulenzen, weil der Firmspender unmittelbar vor der Firmung aus dem Leben schied, was in Deutschland durch die Presse ging, und der zuständige Pfarrer an Corona erkrankt war. Trotz dieser widrigen Umstände war die Gemeinde, die sonst mit Blinden nichts zu tun hat, auch ohne Campagne zum Sehbehindertensonntag unglaublich sensibilisiert für die Belange von sehbeeinträchtigten Personen. Vor der Kirche wies mich ein Herr darauf hin, wo die reservierten Plätze für die Angehörigen seien. Ich hatte kaum die Kirche betreten, als eine Frau auf mich zukam, sich mir vorstellte und mir zeigte, wo die reservierten Plätze seien und mir einen Platz in der ersten nichtreservierten Bank zeigte. Wenige Minuten später kam die Kommunionhelferin zu mir und sagte, dass sie mir die Kommunion an den Platz bringen würde. In Zeiten der Corona-Pandemie ist das äußerst hilfreich, zumal in diesem Gottesdienst wegen der vielen unterschiedlichen Personen angesichts steigender Corona-Zahlen darum gebeten wurde, die Maske zu tragen. Als die Kommunionspenderin kam, sprach sie mich an, dass sie die Kommunion bringe.

 

Zu Beginn des Gottesdienstes wurde ich eigens begrüßt, und am Ende bedankte sich ein Firmling über das Mikrofon für mein kommen. Mir war das schon fast peinlich, weil mir mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde wie einer Firmkatechetin, die in Passau einen Lehrstuhl für neutestamentliche Exegese hat und an mehreren Wochenenden extra nach Frankfurt in ihrer Heimatgemeinde kam, um bei  der Firmvorbereitung zu helfen.

 

Die Gemeinde war auch ohne die Campagne zum Sehbehindertensonntag aufmerksam und sensibel für die Belange sehbeeinträchtigter Personen. Mir scheint, die Gemeinde sogar weiter zu sein wie die Selbsthilfe der Betroffenen. Jemanden mit dem Klingelbeutel dezent anzustoßen und die Kommunion an einen Platz mitten in der Kirche zu bringen, sind Aufmerksamkeiten, die jedem Sehbehinderten helfen und mit Kontrasten und Beleuchtung nur bedingt zu tun haben.

 

Christof Müller