Psychosoziale Aspekte von Blindheit und Sehbehinderung
Neben den vielfältigen Erschwernissen in der Bewältigung ihres Alltags leiden viele blinde und sehbehinderte Menschen vor allem unter den Problemen im Umgang mit der sehenden Umwelt, unter deren Unverständnis und Unbedachtsamkeit.
Viele reagieren auf sehbehinderte und blinde Mitbürger unsicher, ausweichend, oder aber übertrieben fürsorglich, manchmal taktlos. Oft wird das Sehvermögen bei Sehbehinderten entweder über- oder unterschätzt. Dies führt zu Missverständnissen, Vorwürfen und Frust auf beiden Seiten.
So spielt z.B. bei vielen Sehbehinderten die allgemeine Tageskondition eine nicht unbeträchtliche Rolle bei dem, was gerade noch, oder schon nicht mehr gesehen werden kann. Diese Tatsache bereitet häufig im Zusammenleben mit anderen zusätzliche Probleme, da tatsächlich vorhandenes Unvermögen als Bequemlichkeit oder gar als Schikane gedeutet wird, wenn man heute nicht mehr schafft, was gestern noch ganz gut gelang.
Menschen, deren Krankheit den Augenhintergrund befallen hat (z. B. bei Netzhautablösung, Schwächung des Sehnervs, Makuladegeneration oder Retinitis pigmentosa), haben, da ihren Augen keinerlei Defekt anzusehen ist, manchmal Schwierigkeiten, ihrer Umwelt klarzumachen, dass sie schlecht oder gar nicht sehen und deshalb in bestimmten Situationen Hilfe in Anspruch nehmen müssen, vor allem dann, wenn sie sich selber bemühen, so geschickt wie möglich mit ihrem Handikap umzugehen.
Insbesondere Neuerblindete haben es schwer, von ihrer Umwelt richtig eingeschätzt bzw. behandelt zu werden. Gerade in der ersten Zeit des schmerzlichen Umgewöhnungsprozesses funktionieren die übrigen Sinne, sowie das Konzentrationsvermögen keineswegs besser, sondern eher schlechter. Es ist nämlich nicht so, dass, wie es blinden Menschen gerne nachgesagt wird, die übrigen Sinne sofort schärfer und besser einsetzbar werden. Im Gegenteil, da der Mensch, solange er normal sieht, dazu neigt, fast alle Eindrücke, die er wahrnimmt, wenn nur irgend möglich, mit den Augen zu überprüfen, misstraut er erst einmal allen übrigen Sinnen, wenn die optische Kontrolle wegfällt.
Natürlich sind die übrigen Sinne in der Lage, das entstandene Defizit im optischen Bereich in mehr oder minder großem Maße zu kompensieren. Jedoch geschieht dies nicht von heute auf morgen - der Anpassungsprozess kann je nach Befindlichkeit des Einzelnen, seinen intellektuellen und sensitiven Möglichkeiten entsprechend und nicht zuletzt auch abhängig von seinem sozialen Umfeld, Monate bis Jahre dauern. Hinzu kommen auch immer noch der Schmerz und die Trauer um den Verlust des Sehens, der Selbständigkeit und des sozialen Status, was oft zu Depressionen und Resignation führt. All dies erleichtert den Neu- bzw. Umlernprozess nicht.
Im Umgang mit blinden und sehbehinderten Menschen erweist sich der nicht vorhandene Blickkontakt oft als großes Problem in der Kommunikation. Da man in der Regel einem potentiellen Gesprächspartner erst einmal durch einen Blick signalisiert, dass man sich an ihn wenden will, muss man sich in der Kommunikation mit blinden Menschen etwas anderes einfallen lassen. Dies fällt vielen Menschen offensichtlich sehr schwer. Ist eine Begleitperson in der Nähe, so wird sehr häufig sie nach den Wünschen und Befindlichkeiten des Blinden befragt: "Möchte er sich setzen?", "Wo tut es ihm denn weh?", "Was will er denn haben?"
Diese und ähnliche Fragen muss sich ein erwachsener Mensch in der Straßenbahn, beim Arzt oder beim Einkaufen anhören oder genauer gefallen lassen, wenn er in Begleitung unterwegs ist.
Selbständigen, mobilen Blinden und hochgradig Sehbehinderten, die sich wie viele, insbesondere jüngere Menschen alleine mit dem Langstock bewegen, sehen sich leider oft mit folgenden Verhaltensweisen konfrontiert: man packt sie überraschend von hinten oder von der Seite an, hält sie fest, schiebt sie vor sich her oder zieht sie am Stock hinter sich her und redet dabei laut und in kurzen Sätzen oder vielleicht auch gar nicht.
Der blinde Mensch, dem man auf der Straße begegnet, bekommt möglicherweise mehr über seine Umwelt mit als die meisten es sich vorstellen können: der Schall der Schritte ist mehr als ein bloßes Geräusch - er sagt etwas über die Beschaffenheit der Umgebung aus: hier hört man ein großes Auto stehen, dort ist eine Einfahrt zu spüren. Ein Luftzug signalisiert Ausgänge oder das Ende einer Häuserzeile und die leichte Absenkung des Bürgersteigs deutet an, dass hier jetzt gleich der Zebrastreifen kommt. Ein ernstes Gesicht eines blinden Fußgängers bedeutet nicht unbedingt, dass er gerade mal wieder mit seinem Schicksal hadert, sondern dass er sich auf all das, was um ihn herum vor sich geht, konzentrierten.
Was so jemand braucht, ist nicht Mitleid, sondern vielleicht den einen oder anderen konkreten und klar formulierten Hinweis, gekleidet in eine höfliche Frage, ob dieser überhaupt erwünscht sei. Natürlich kann man in schwierigen Situationen auch mal seinen Arm anbieten oder in der U-Bahn nachfragen, ob ein Sitzplatz gewünscht wird (was nicht immer der Fall ist, denn manchmal ist es einfacher, in der Nähe der Tür stehen zu bleiben, um sie beim Aussteigen nicht suchen zu müssen). Das wichtigste aber, was man für einen Menschen, der mit einem weißen Stock unterwegs ist, tun kann, ist eine "normaler" und gleichberechtigter Umgangston. Denn auch wenn er nicht sieht, er hört und spürt die ihn umgebenden Menschen gleichwohl und er nimmt taktloses Anstarren, peinliche Ausweichmanöver ebenso wahr wie eine selbstverständliche Zuwendung und Anrede.
Klaus Meyer
Dieser Artikel stammt aus der Broschüre "Sehen Sehbehinderung Blindheit - Informationen und Unterrichtshilfen für allgemeine Schulen".
Herausgeber: Der Paritätische Wohlfahrtsverband Hessen