Blinde und hochgradig Sehbehinderte in unserer Gesellschaft
Eine schwere Sehbehinderung bringt für jeden Menschen gleich welchen Alters viele, manchmal unüberwindlich erscheinende Probleme mit sich, sowohl in der Bewältigung des Alltags als auch in den Beziehungen zur "sehenden" Umwelt.
Laut Statistik gibt es in der Bundesrepublik Deutschland ca. 155.000 blinde Menschen.
Hierbei ist anzumerken, dass die gesetzliche Definition von "Blindheit" nicht gleichbedeutend mit „Amaurose" d. h. mit völlig fehlender Lichtwahrnehmung, ist. Blind im Sinne unserer Sozialgesetzgebung sind auch Personen, deren Sehschärfe auf dem besseren Auge nicht mehr als 1/50, also 2 % der normalen Sehkraft, beträgt.
Von den 155.000 Blinden sind:
6 % Kinder und Jugendliche (weniger als 2 % dieser Altersgruppe sind geburtsblind, bzw. in ihren ersten 5 Lebensjahren erblindet)
70 % älter als 60 Jahre.
Die Zahl der hochgradig Sehbehinderten (sie verfügen über 2 % - 10 % des normalen Sehvermögens) wird auf rund 500.000 geschätzt.
Menschen, die auf Grund von pränatalen oder Brutkasten-Schädigungen nie sehen konnten, empfinden ihre Blindheit völlig anders, als ein später Erblindeter. Für sie ist dieses "Nicht-sehen-können" ein normaler Zustand, erst in der Konfrontation mit der sehenden Umwelt ergeben sich eventuell sehr schmerzliche Probleme. In wie weit sie ihren Alltag bewältigen können, hängt sehr ab von der erfahrenen Frühförderung und ihrer Fähigkeit, die übrigen Sinne kompensatorisch einzusetzen und Zusammenhänge zu "begreifen" - im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Probleme von Späterblindeten bzw. von einer schweren Sehbehinderung Betroffenen sind abhängig von den jeweiligen Krankheitssymptomen des Auges, sowie von der Gesamtkonstitution, dem Alter, der Flexibilität und dem Selbstbewusstsein des Einzelnen.
Nicht umsonst sprechen wir von einem "objektiven" und einem "subjektiven" Sehvermögen.
Zwei Personen, die, an der gleichen Augenkrankheit leidend, "objektiv" gleich schlecht sehen, können subjektiv mit dem ihnen verbliebenen Sehvermögen unterschiedlich viel anfangen. Der eine fühlt sich nahezu blind, weil er z. B. in seiner Orientierung total verunsichert ist; dadurch verängstigt, gerät er leicht in Panik und bekommt deshalb überhaupt nichts mehr mit. Der andere - vielleicht hatte er schon immer ein gutes Orientierungsvermögen - kann sich besser konzentrieren, behält die Ruhe, "reimt sich so manches zusammen" und wirkt deshalb so, als könne er noch eine ganze Menge mehr sehen, als dies in Wirklichkeit der Fall ist.
Sehr unterschiedliche Auswirkungen auf das "subjektive" Sehvermögen haben auch die Umstände der Sehbeeinträchtigung. So ist es von Bedeutung, ob jemand an einer progressiven Augenkrankheit, d. h. an einer schleichenden Verschlechterung des Sehvermögens leidet (wie z. B. an Retinitis Pigmentosa) oder ob er durch Unfall oder plötzliche Krankheit jäh in seinem Sehen eingeschränkt wird.
So grausam auch das Wissen um die fortschreitende Erblindung (oder Nahezuerblindung) ist, so hat doch der davon Betroffene die Möglichkeit, sich allmählich mit so manchen Problemen, die auf ihn zukommen, auseinanderzusetzen und sie zumindest teilweise zu kompensieren durch Einsatz des gesunden Menschenverstandes ("Not macht erfinderisch") und der übrigen Sinne.
Ganz anders ergeht es Menschen, die durch einen Unfall, eine Tumorerkrankung im Kopf, eine unerwartet auftretende Netzhautablösung (z. B. bei Diabetikern), einen Schlaganfall oder durch eine Krankheit, die Durchblutungsstörungen im Sehnervbereich nach sich zieht, plötzlich mit einer rapiden Sehverschlechterung oder gar Erblindung konfrontiert werden.
Diese Menschen, die möglicherweise noch vor einer Woche Auto gefahren sind oder ein Kleid genäht haben, sind auf einmal nicht mehr in der Lage, eine Nadel einzufädeln oder - im schlimmsten Fall - eine Lichtquelle im Raum wahrzunehmen. Natürlich werden sie sich anders verhalten als jemand, der sich seit langem auf ein ähnlich schlechtes Sehen hat vorbereiten können.
Unsere zunehmend von visuellen Reizen geprägte Umwelt ist auf Sehbehinderte und Blinde äußerst unzureichend eingerichtet. Früher, als noch nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit Licht und optische Hinweise im Überfluss vorhanden waren, musste sich jeder wesentlich mehr auf seine übrigen Sinne verlassen und diese schulen. Heute fällt es einem Sehenden unendlich schwer, sich in einen schlechter oder gar nicht sehenden Mitmenschen hineinzuversetzen. Denn er erschließt sich ja seine Umwelt zu mindestens 80 % über die Augen und vernachlässigt dabei in aller Regel seine übrigen Sinne. Auch bei fast allem, was er fühlt, hört oder riecht, macht er zumindest den Versuch, die Wahrnehmung optisch zu überprüfen. Erst dann glaubt er wirklich sicher zu sein.
Überträgt man diese Erfahrungen undifferenziert und unbedacht auf Blinde, so kann man leicht zu der Auffassung gelangen, dass diese in ihren Wahrnehmungsmöglichkeiten in höchstem Maße eingeschränkt sind und ihrer Umwelt völlig hilflos gegenüberstehen.
Dies jedoch ist ein großer Irrtum: Der Mensch, der auf das Sehen verzichten muss, wird nach einer gewissen Zeit seine übrigen Sinne verstärkt so einsetzen, dass er damit eine ganze Menge des erlittenen Wahrnehmungsverlustes ausgleichen kann.
Er wird sein Leben anders einrichten und andere Prioritäten setzen müssen als vor der Erblindung und er wird in manchen Situationen immer - mehr oder weniger - auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen sein. Wie schwierig und wie schmerzlich dieser Prozess ist, wird nicht zuletzt vom Verhalten der Umwelt abhängen.
Klaus Meyer
Dieser Artikel stammt aus der Broschüre "Sehen Sehbehinderung Blindheit - Informationen und Unterrichtshilfen für allgemeine Schulen".Herausgeber: Der Paritätische Wohlfahrtsverband Hessen